außergewöhnliche und fesselnde Roman-Biographie

David Foenkinos: Lennon

DVA, ISBN 9783421047991


David Foenkinos hat in dieser Romanbiografie John Lennon sein Leben während 18 Sitzungen beim Psychater erzählen lassen, die vom September 1975 bis zum 7. Dezember, dem Vortag seines Todes, andauern.

Angefangen von seiner unglücklichen Kindheit, seinem Leben bei seiner Tante, seiner Bandgründung und Kennenlernen der anderen Beatles über den Aufstieg, Drogenkonsum, Sinnsuche, Verwerfungen innerhalb der Band, seine Aggressivität, seine ständige Suche und seiner besonderen Liebe zu Yoko Ono u.v.m. läßt Foenkinos John Lennon erzählen und manchesmal tun sich Abgründe auf, die man so gar nicht erwartet hätte…

Foenkinos betont, dass die dargestellten Begebenheiten wahr sind, jedoch seinem persönlichen Verständnis unterliegen. Sehr gut gefallen hat mir, dass zahlreiche Anmerkungen als Fußnoten auf belegte Zitate oder Begebenheiten verweisen, die Romanaussagen als untermauern. Hier habe ich manchesmal Weiterführendes online nachgelesen, insbesondere bei beschriebenen „Nebenhandlungen“, die ich zum Teil fetzenweise kannte und nun in einem ganz anderen Kontext erlebe; besonders bemerkenswert fand ich die Darstellungen zur Manson Familie, der Ermordung Sharon Tates und den Alkohlproblemen von Doris Days Sohn. So wage kann ich mich an Filmaufnahmen blutverschmierter Wände erinnern… und bin nun ganz überrascht darüber, dass als Auslöser satanische Verse in Songs der Beatles herhalten mußten. Aber auch andere Ereignisse, die ich schon wieder vergessen hatte oder damals überhaupt nicht einordnen konnte, sind nun, als Teil der gesamten Entwicklung der Beatles und speziell John Lennons viel eindrücklicher verstehbar.

Insgesamt hat mir diese Romanbiografie außerordentlich gut gefallen; sie war spannend und sehr unterhaltsam zu lesen, hat mir die Beatles und insbesondere John Lennon fernab der gängigen braven „Schwiegermuttersicht“ aufgezeigt und viele damalige Zeitgeschehnisse in einen eindeutigen, nachvollziehbaren Zusammenhang gebracht.

 

5/5 *****

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beschaulicher, präziser und besonders nostalgischer Krimi

Maria Lang: Tragödie auf einem Landfriedhof

btb, ISBN 9783442715800

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Bei der „Tragödie auf einem Landfriedhof“ von Maria Lang, handelt es sich um einen seichten Krimi aus einer längst vergangenen Zeit. Die Originalausgabe erschien 1954; der Krimi selber spielt in der Zeit von Weihnachten bis Silvester 1953.

Im sonst so beschaulichenschwedischen Dörfchen Västlinge wurden mindestestens zwei, wenn nicht sogar mehr, unterschiedliche Verbrechen während dieser letzten Woche dieses Jahres verübt. Die einzelnen Charakteren und Handlungen werden recht detailverliebt dargestellt; als Leser kann man alles sehr gut nachvollziehen. Die Handlung an sich ist schlüssig, wenngleich der Krimi nicht wirklich durchgehend spannend ist. Mich hat es eher an ein geplantes Hörspiel erinnert, denn in gewissen Abständen werden die Untersuchungsergebnisse, Erkenntnisse, Fragen und Vermutungen zusammengefasst und aufgelistet. Für mich wirkte es dann, als wäre eine Radiokrimi-Folge beendet und die nächste könne dann in einer Woche mit einem Überschnitt dieser Zusammenfassung starten.

Ich fand diesen Roman sehr reizvoll und herrlich nostalgisch; für mich verhält es sich ein wenig wie mit den Straßenfeger aus den 60er Jahren, die damals das Höchstmaß an spannender Krimiunterhaltung boten und heutzutage nicht mehr für soviel Furore wie damals sorgen würden.

Es steht halt mehr die Nostalgie und der Genuss der „guten alten“, vermeintlich harmloseren Zeit im Mittelpunkt, keine sich überschlagenden Autos o.ä., sondern solide und präzise geplante Zeitabläufe, Motive und Verstrickungen, mit vielen Details, Wendungen und kleinen, menschlichen Nöten und Abgründen – alles in allem sehr beschaulich, präzise und nostalgisch; genau richtig für eine besinnliche Auszeit.

4/5 ****

gut erzählt, Spurführung war mir längenweise zu eindeutig und vorhersehbar

Melanie Raabe: Der Schatten

btb, ISBN 9783442757527


Melanie Raabe erzählt eine Geschichte der jungen Journalistin Norah, die frisch von ihrem Lebensgefährten getrennt, einen neuen Job in Wien annimmt. Dort deuten eine Prophezeihung, viele weitere Erlebnisse und Hinweise daraufhin, dass sie am 11.2. unter dem Riesenrad im Prater der Mörder ihrer damals Freundin Valerie treffen und erschiessen würde…. Valerie verübte vor 18 Jahren, so wurde bislang angenommen, Suizid.

Melanie Raabe erzählt sehr ansprechend Details aus Norahs Leben; man erhält als Leser ein gutes Bild von ihr, ihrer Vergangenheit, ihren Freunden und Feinden und dem, was gerade geschieht. Das Geschehen vor Ort auf das Ereignis am 11.2. hin, wirkte auf mich so eindeutig, dass sowohl die Entwicklung als auch das Geschehen an diesem Tag absehbar war, lange bevor Norah die Zusammenhänge selber erkannte. Manchmal fand ich die Ausführungen etwas langatmig, besonders wenn die Spur so eindeutig gelegt wurde. Trotzdem war die Geschichte interessant erzählt und gut zu lesen; als richtig knackigen Thriller würde ich sie aber nicht bezeichnen.

Ich muß gestehen, dass ich zunächst etwas enttäuscht war, bei allem so richtig zu liegen – und dann kam doch eine völlig unerwartete Wendung, die ein zunächst in den Hintergrund getretenes Kapitel in Norahs leben ganz neu beleuchtet.
„Der Schatten“ war der erste Roman von Melanie Raabe, den ich gelesen habe. Auch wenn vieles genau wie erwartet eingetreten ist, hat mich die Entwicklung der Geschichte und ganz besonders der unerwartete Aspekt am Ende, der vieles des Vorangegengenen ergänzt und Hintergründe erklärt, gut unterhalten.

 

4/5 ****

mörderisch guter und rabenschwarzer Lesespaß

Sara Paborn: Beim Morden bitte langsam vorgehen

DVA, ISBN 9783421048028


Nach 39 Jahren Ehe mit Horst, der ihr stetig das Schwarze unter den Fingernägeln nicht gönnte, niemals romantische Ansätze an den Tag legte, sondern sie konsequent lieb- und respektlos behandelte, mit ihren Büchern und Träumen in eine Ecke des Heizungskellers verdrängte, Statt Komplimenten hörte sie immer nur Belehrungen und mußte sich seinen Vorstellungen unterordnen. Nun endlich besinnt sich die feinfühlige Irene, dass sie doch eigentlich mehr vom Leben, Horst und ihrer Ehe erwartet hatte. Konsequent setzt sie die Einsicht um, dass man sein Glück selber in die Hand nehmen muss und vervollkommned Horsts Leben, indem sie ihm ein würdiges Ende schenkt… und dem Sessel und dem Platz darunter zu neuer Schönheit verhilft.

Der Roman ist wundervoll geschrieben; jedem Kapitel steht ein Zitat oder Buchauszug voran, der auf dieses Kapitel ganz bezaubernd einstimmt. Die Beschreibungen der Zustände einer Langzeitehe waren vorzüglich auf den Punkt gebracht; jeder Leser erkennt – bestenfalls – ältere Bekannte oder Verwandte in den vielen einzelnen Szenen oder zwischen den Zeilen wieder.
Die Frage, wie man es eigentlich mit jemandem aushält, welche Phantasien und Ausbruchsversuche unternommen oder eher unterlassen werden, da man der Mitwelt schließlich beweisen möchte, dass man es doch „zusammen schafft“, wurden wohl sehr realitätsnah dargestellt, punktgenau und mit einer Riesenportion schwarzem Humor.

Ganz klar gilt auch für dieses Buch, was Irene, die belesene Bibliothekarin auf S. 21 schwärmend über Bücher feststellt: „Diese Bücher legen Dinge bloß, die wir in unserem Alltag nach Möglichkeit verbergen wollen.“

Mich hat dieser Roman auf ganz besondere Weise unterhalten; er war unglaublich fesselnd, lehrreich, ein wenig inspirierend (ggg), dabei so bissig und hat mich bis zur letzten Seite immer wieder Situationen erkennen und Tränen lachen lassen; für mich war es ein Buchhighlight dieses Jahres.

 

5/5 *****

so lockerleicht und witzig kann ein hilfreicher, vielschichtiger Ratgeber also auch sein!

Ruediger Schache: Klingt logisch! Mach ich aber nicht!

Nymphenburger Verlag, ISBN 9783485029506


Ruediger Schache zeigt dem Leser in vielen, ganz unterschiedlich gestaltetetn Kapiteln auf, wie er sich Stück für Stück seine Selbstbestimmung in diversen Bereichen zurückholt, sei es gegenüber dem Chef, dem Partner oder den Eltern. Mal wird das jeweilige Kapitel mit einem Interview, einer Geschichte, einem Märchen… eingeleitet, psychologisches Hintergrundwissen, Lösungsstrategien, Fragebögen, Checklisten sind zum Erkennen der eigenen Position und Vorgehensweise äußerst hilfreich, dabei niemals todernst oder knochentrocken, sondern sehr witzig aufbereitet.

Sehr hilfreich finde ich auch die Zusammenfassungen am und Checklisten am Ende der Kapitel. Oft habe ich beim Lesen gestaunt, wie genau Ruediger Schache auf den Punkt analysiert und wie einfach er die Lösung darstellt. In manchen Bereichen hätte ich das gerne vor vielen Jahren gelesen… Mit diesem Buch bekommt man sein Leben eindeutig schneller und zielgerichteter zurück – und dabei liest sich dieser Ratgeber, der auch als workbook durchgeht, so locker und leicht, hat nebenbei einen hohen Unterhaltungswert.

 

5/5 *****

wegweisendes Vorbild in Achtsamkeit und Friedenskultur

Thich Nhat Hanh: Ein Leben in Achtsamkeit

Lotos, ISBN 9783778782736


Der Zen-Mönch, Meditationslehrer und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh, geboren 1926 in Hue -Vietnam, setzte sich zeitlebens für friedvollen, achtsamen und liebevollen Umgang, Mitgefühl, sich selbst und dem anderen gegenüber ein.

In diesem Buch wird seine Biographie aufgezeigt, die ihn prägenden geschichtlichen und politischen Hintergründe in Vietnam ab 1888 aufgezeigt, genauso wie politisches Geschehen seit seinem Leben und Lehren während seines Exils, verschiedener Aufenthalte in verschiedenen Ländern.

Sehr beeindruckend wird die Lebensgeschichte Thich Nhat Hanh erzählt, der stets für eine gerechtere, von Liebe und Achtsamkeit geprägte Welt eintritt, sich und jeden Einzelnen als göttlichen Teil ansieht, Jesus und Buddha als Brüder versteht.
„Unsere Feinde sind niemals Menschen“, so lehrt er, „sondern nur menschenverachtende Ideologien und Systeme.“
Die ihn prägenden Lebensbedingungen in seiner Heimat Vietnam und dessen Geschichte waren für mich ebenfalls äußerst interessant aufgezeigt; ich muß gestehen, dass mir viele Namen und Zusammenhänge ganz neu aufgezeigt wurden, so dass ich das Buch immer wieder beiseite legen, besonders beim Lesen der Fußnoten im Anhang, und weitere Informationen dazu im Internet suchen mußte um mehr Details zu erfahren, die im Rahmen dieser Biographie aber nicht aufgeführt werden mußten, sondern mir persönlich den Eindruck der Geschichte Vietnams ergänzten.

Im Anhang finden sich „Die vierzehn Achtsamkeitsübungen des Ordens“, Manifeste für Frieden und Gewaltlosigkeit, die sechs Prinzipien für eine Friedenskultur, Dokumente und Fotos sowie eine mehrseitige Liste mit Büchern Thich Nhat Hanhs.

Insgesamt haben mich das Lebenswerk und seiene Biografie zutiefst beeindruckt; viele Passagen mußte ich mehrfach lesen. Ich habe vieles über das Leben und Lehren des Thich Nhat Hanh gelernt, auch über die Vergangenheit Vietnams. Thich Nhat Hanhs vorgelebte Prinzipien des engagierten Buddismus, die Sicht des „Interseins“ und der eigenen Verantwortung fand ich sehr berührend und wegweisend dargestellt. Immer wieder wurden Gedichte und Auszüge aus anderen seiner Bücher vorgestellt, die ich sehr ansprechend fand und auf meine Wunschliste gesetzt habe.

Es gibt nicht viele Bücher, die ich mehrmals lese; dieses gehört auf jeden Fall dazu.

 

5/5 *****