wunderschön erzählt

Phaedra Patrick: Wie Arthur Pepper sich vor seiner Nachbarin versteckte und am Ende doch sein Herz fand

btb, ISBN 9783442715206


Arthur Pepper, seit einem Jahr verwitwet, hat sich zurückgezogen, scheut den Kontakt zu anderen Leuten und findet in seinen strikt eingehaltenen täglichen Routinen Trost und Halt.
Als er den Kleiderschrank seiner verstorbenen Frau Miriam ausräumt, entdeckt er in einem Stiefel eine kleine Schmuckschatulle, die ein Bettelarmband mit verschiedenen Anhängern enthält.
Arthur versucht die Geschichten hinter den Anhängern aufzuspüren um mehr über Miriam herauszufinden, bevor sie einander begegnet waren, zweifelt zwischendurch an sich und dem Sinn seiner Nachforschungen und erlebt Abenteuer und nette Kontakte. Dabei verändert er sich selber und findet immer mehr in ein bejahendes Leben zurück.

Phaedra Patrick hat Arthurs Geschichte wunderschön erzählt; von Beginn an kann man sich gut in seine Lage versetzen, in seine Trauer um seine verlorene Liebe, mit der er 40 Jahre verheiratet war und die ihm so sehr fehlt. Immer wieder erinnert er sich an Erlebnisse mit ihr und ihren beiden Kindern, fragt sich, ob er ihr ein guter Ehemann war, der ihre Wünsche und Träume erfüllt hat und auch ihre große Liebe war – oder hat sie mit ihm ein langweiliges Leben geführt, ganz anders als das, das sie in der Zeit vor ihm geführt und nie erwähnt hat? Stets steht er zu ihr, auch während seiner Ermittlungen, eine redliche und treue Seele… Und, hat er als Vater alles richtig gemacht oder wäre da mehr möglich gewesen?

Der Roman liest sich so leicht, ist dabei so gefühlvoll ohne kitschig zu sein, bietet spannende Szenen und jede Menge Aspekte, die zum Nachdenken anregen und vielleicht nicht nur Arthurs, sondern auch des Lesers Sicht auf das Leben inspirieren können.
Mich hat der Roman ein klein wenig an „Die fünf Menschen, die dir im Himmel begegnen“ erinnert, welches ich sehr schätze. Genauso geht es mir auch mit „Arthur Pepper“ und ich empfehle diesen Roman unbedingt weiter.

 

5/5 *****

Werbeanzeigen

nicht wirklich spannend, dafür mit schwarzem Humor gespickt

Marie Gamillscheg: Alles was glänzt

Luchterhand, ISBN 9783630875613


Marie Gamillscheg erzählt ihren Debutroman in einem ganz eigenwilligen Stil; jeder der Dorfbewohner im Schatten des großen, ausgehöhlten Berges, der kleine Erdbeben und -risse hervorruft, erzählt stückchenweise seine und die Geschichte des Ortes.
Demzufolge wechselt auch der Erzählstil; es finden sich Zweiwortsätze genauso wie bandwurmlange Verschachtelungen sowie viele Wiederholungen, wenn die einzelnen Erzähler eine bestimmte Situation aus ihrer Sicht beschreiben. Gerade diese Wiederholungen waren anfangs noch interessant, ließen den Roman und damit das geschilderte Dorfleben auf mich aber immer langweiliger und reizärmer wirken.

Eine ganze Zeit dachte ich, dass diese dörfliche Tristesse sehr überzeugend in der Erzählweise gespiegelt wurde; aber letztendlich war dieses dann auch mal ausgereizt und ich habe auf die vielen, vollkommen skurrilen schwarzhumorigen Witze in den Erzählungen gelauert, die mich fast haben Tränen lachen lassen: von der überfahrenen Katze, der Hüftgelenk noch fast neu war…, davon, dass es in diesem Ort einen Zeitungsbericht wert ist, wenn jemand im Nachthemd auf der Straße gesehen wird…, von Susas Eindruck der Städter, die ein ödes Leben führen müssen, wenn sie so begeistert sind, hier u.a. in der Kneipe rauchen zu dürfen…., vom alarmauslösenden Seismographen, der seit einiger Zeit defekt ist, völlig egal, denn die Telefonnummer, an die er die Warnung absetzen würde, existiert nicht mehr…. Hier habe ich nur Auszüge einzelner Geschichten verraten, von denen es noch viel mehr gibt und die für mich genaugenommen die Highlights dieses Romans waren.

Die Geschichte um den Untergang des Dorfes spielte sich für mich eher im Hintergrund ab, hat mich nicht wirklich packen können und war für mich recht anstrengend zu lesen. Für mich lag der Reiz dieses Buches eindeutig in den skurrilen kurzen Darstellungen von Nebensächlichkeiten der Geschichte.

 

3/5 ***

Entmythologisierung der Ulrike Meinhof, den 68ern und der RAF

Bettina Röhl: „Die RAF hat euch lieb“

Heyne, ISBN 9783453201507


Bettina Röhl, eine der 1962 geborenen Zwillingstöchter des Ehepaares Klaus Rainer Röhl ( Herausgeber des linken Blattes „konkret“) und Ulrike Meinhof, beschreibt, wie sie als Kind in ihrer Familie und in ihrem Umfeld die Auswirkungen der 68 und Entstehung und Aktionen der RAF erlebte oder durch ein Puzzle vielfältiger Textquellen zusammensetzte. Sie selbst gibt an, dass ihr kaum Fotos, Briefe oder andere Unterlagen geblieben waren und, dass sie vieles in diesem Buch Geschriebene anhand ihr ausgehändigter Anwaltsakten, Briefe und Dokumenten sowie selbst geführter Interviewas mit damals tätigen Anwälten und Weggefährten ihrer Eltern akribisch zusammengefügt hat, was auch durch die 439 angehängten Quellenangaben deutlich untermauert wird.

Ihr Buch ist gegliedert in drei große Kapitel ( 1. Auf dem Höhepunkt von 68, 2. Die Entstehung der RAF, 3. Mythos Meinhof sowie zwei Essays.

Bettina Röhl stimmt zunächst ein in die Zeit der 68er, in der Drogen und wilde Musik zu überbordernden Protestphantasien und politischer Selbsterhöhung geführt hätten. Sie beschreibt die dunklen Begleitumstände der Kulturrevulotionen, die als Vorbilder dienten und in Umerziehungslagern zu Massenvernichtung führten und deren Anstreben sie als Horrorvision empfindet. Energisch betont sie, dass man schon sehr naiv sein mußte, um dieses auszublenden und als Ideal anzustreben. Sie beschreibt die 60er Jahre als eine Zeit, in der Protest in Mode kam und man sich in den folgende Jahren immer mehr einfallen lassen mußte, um in den Protest-Charts plaziert zu sein, so wie beispielsweise Gudrun Enslin und Andreas Baader mit ihrem Kaufhausbrand. Wichtig ist der Autorin immer wieder an die Opfer solcher Anschläge und Tötungen zu erinnern, die ihrer Meinung nach leider viel zu wenig bis gar keine Beachtung in der Öffentlichkeit fanden, ganz im Gegensatz zu den „Berufsrevolutionären“, denen ihrer Meinung nach von Beginn an viel zu viel durchgehen gelassen wurde. Im Alter von sechs Jahren liebte sie alles Bürgerliche, das ihre Mutter nun bekämpfte…

Selbstverständlich handelt es sich um eine persönliche Darstellung der Zeit, die auch gleichzeitig ein Stück ihrer eigenen Biographie enthält. Sehr interessant fand ich unter anderem die von ihr beschriebenen Erziehungsstrategien und Maxime in ihrer frühen Kindheit, als sie mit ihrer Schwester und Mutter in Berlin lebte, beispielweise die Statements zu Kleidern, langen Haaren oder Vorkommnissen im Kinderladen, die Entführung nach Sizilien sowie die abgewendete Abschiebung in ein palästinensisches Waisenlager mit Waffenausbildung. Auch die ausführliche Korrespondenz der Ulrike Meinhof an ihre Anwälte und die einzelnen Briefe an ihre Kinder aus ihrer Haft heraus, ihre Gedanken und weiterentwickelten Pläne fand ich sehr aussagekräftig.

Zu Beginn des Buches hatte ich den Eindruck, dass Bettina Röhl mit harter Wortwahl, viel Wut und Hass mit ihrer Mutter und ihren politischen Begleitern abrechnet und bei vielem hatte ich vorher einen anderen Eindruck. Doch mit der Zeit wurde der Ton ruhiger und sachlicher und ihr Bemühen, den Mythos Ulrike Meinhof, die ihrer Meinung und Darstellung nach zur Ikone und Märtyrerfigur der Linken stilisiert wurde, hat sie sehr ausführlich, reichlich belegt, klar dargestellt.
Zudem war es ihr ein großes Bedürfnis mit „selbst ausgedachten Fakten“ anderer, um ihre Erlebnisse und Erinnerungen als Buch oder Film gewinnbringend zu veröffentlichen aufzuräumen und richtigzustellen.

Insgesamt fand ich Bettina Röhls Analyse und Teilbiographie bis ins Jahr 1974 äußerst interessant und aufschlußreich und empfehle es unbedingt weiter.

 

5/5 *****